Tuch

Die Leute, die „Flagge zeigen“ gegen andere Leute, die andere Flaggen hochhalten, diese Leute und selbstverständlich auch ihre Gegner mit der anderen Flagge, haben ihren Verstand schon längst durch ein von jeder leichten Brise bewegliches Stück Stoff ersetzt und warten nur noch mit teilweise kaum verdrängter Sehnsucht darauf, dass in nicht mehr allzuferner Zeit die Trommeln ihre Beine im zackigen Schritt in die Schlacht steuern, gar feierliche, erhebende Lieder von der Flagge und vom Sieg auf den Lippen.

Niemals werde ich hinter einer wehrlos durch die kalte Luft gezogenen Flagge herlaufen; egal, wie hübsch und bunt sie auch ausschaut, egal, wie harmlos sie auch anmuten mag, egal, wie sympatisch mir die Anliegen der Flaggenschwenker auch erscheinen mögen. Es ist unterhalb der Würde eines intellektuell und empathisch begabten Wesens und es ist — wie jeder Mensch durch Lektüre eines Geschichtsbuches leicht überprüfen kann — immer die Vorstufe davon, dass selbstbestimmtes und verantwortliches Denken und Entscheiden vom rein psychischen, leicht mit einfachen Mitteln anzufachenden Horden- und/oder Schwarmbewusstsein abgelöst wird, so dass jede Individualität und jeder gute Rest im Menschen unter dem inneren Druck des von außen angefachten Sozialtriebes in dunkelste Verstecke entschwindet; so weit, düster und angst, bis letztlich unter dem bunten Leichentuch für die Empathie nur noch das im Lichte des Offensichtlichen verbleibt, was Denkende und Fühlende bestürzen und entsetzen muss, wenn sie davon hören. Wo die Flagge weht, wo die Masse so stolz und treu hinter ihr geht, der nächste Selbstgott von Verführer schon längst bereit zur Stelle steht.

Die Wörter wechseln. Die Farben wechseln. Die Flagge bleibt.

Wer das verändern will und immer noch einen Gedanken in seinen Schädel bekommt, darf nicht einfach das nächste buntgefärbte Tuch hochhalten oder — deutlich bequemer — mit heiligstem Gefühle phrasenskandierend dem nächsten buntgefärbten Tuch in der wohligen, sumpfigen Dummheit hinterhergehen und damit zum Spiegelbild dessen werden, was er überwinden will, denn ein Spiegelbild ist nichts anders als sein seitenverkehrtes Urbild; nichts neues, nichts besseres, nichts erfreulicheres und nichts, wofür sich irgendein Weg lohnte.

#Bitteres #Dummheit #Faschismus #Flagge #Psyche #Spiegelbild | Zweitverwertet von Lumières dans la nuit

1